Nicole Brandes auf der Bühne
Persönlichkeit

Wir sind zusammen groß

„Sie sind ein ganz gemischtes Publikum. Sie sind vielleicht Unternehmer, Mama, Großmutter oder Student“ sagt Nicole Brandes ihrem Publikum in der Tafelhalle Nürnberg. „Aber wir haben alle etwas gemeinsam: Wir müssen mit dieser Digitalisierung zurecht kommen. Ich bin hier, um sie an ihre Genialität zu erinnern. Ihre Genialität, die sie neben ihrem Können, ihrer Expertise und ihren Erfahrungen haben. Die Fähigkeit groß zu träumen, heiß zu lieben, wild zu kämpfen, immer das Neue zu suchen, ununterbrochen weiterzulernen. Ich bin hier, um sie anzustiften, nicht nur digital, sondern auch menschlich und emotional aufzurüsten.“

Wir leben in absolut verrückten Zeiten. Algorithmen sagen uns, was wir kaufen sollen, wen wir rekrutieren sollen und sogar mit wem wir auf Tinder flirten sollen. Wir schlafen mit dem iPhone. Wir sprechen mit Maschinen als wären sie unsere Freunde. Roboter ziehen nicht nur in unseren Alltag, sondern auch in unsere Körper ein. Technologie bringt uns fantastische Möglichkeiten, aber auch Stress. Wir ertrinken in Daten. Wir suchen verzweifelt nach Erkenntnissen. Wir werden überflutet mit Multioptionen. Was macht eigentlich noch Sinn? Was gibt uns Orientierung? „Wir navigieren mit Google durch die Stadt, aber wer navigiert uns durch dieses verrückte Leben?“, fragt die Autorin. „Technologie verändert wirklich was wir tun, wie wir es tun, warum wir es tun und sogar wer wir sind. Meine Konklusion ist: Je mehr Digitalisierung, desto mehr menschliches Können ist gefragt.“

Je mehr High Tech, desto mehr High Touch. (John Naisbitt)

Wir brauchen Beziehungen

Eines können wir nicht digitalisieren: Gemeinschaft, Freundschaft, Beziehung. „Warum ist das so wichtig?“, will Brandes wissen. „Früher wurden wir in Gemeinschaften geboren und mussten unsere Individualität suchen. Heute werden wir als Individuum geboren und können alles hyperindividualisieren. Heute müssen wir unsere Zugehörigkeit suchen.“ Die Sehnsucht nach echten Begegnungen wird immer größer. In Gemeinschaften fühlen wir uns aufgehoben. Da haben wir unseren Platz, unsere Rolle. Da bekommen wir Wertschätzung und Identität. Nur durch das Gegenüber können wir zu dem werden, was wir sind. „Natürlich sind Beziehungen anstrengend, aber nur dadurch können wir wachsen“, meint die Speakerin. „Dazu brauchen wir die Wir-Intelligenz.“

Was bedeutet Wir-Intelligenz (WE-Q)?

Es ist die Fähigkeit, dass wir über sämtliche Grenzen, Generationen und Geschlechter eine gemeinsame Basis herstellen.

Das ist nicht einfach. Laut Brandes haben wir es heute mit einer Hyperdiversität zu tun. Wir haben Männer und Frauen. Wir haben die jüngere und die ältere Generation. Außerdem haben wir noch die Multikulturalität. „Es ist fantastisch, dass jeder anders ist“, findet Brandes. „Es gilt, keine Feindbilder zu haben. Es geht darum, alle tollen Qualitäten an den Tisch zu bringen.“ So sollen sich beispielsweise die Jüngeren aktiv einbringen, dass die Älteren von ihnen lernen können. Heutzutage haben die Jüngeren das Wissen. Auch die Älteren müssen sich aktiv einbringen, indem sie das Alte überprüfen und das, was immer noch Gültigkeit hat, weitergeben. „Wir können heute Komplexität nicht mehr alleine meistern. Wir brauchen absolut unterschiedlichste Weltanschauungen von absolut unterschiedlichen Menschengruppen“, fordert die Autorin. „Nur so kommen wir weiter.“

Nicht Harmonie, sondern Frieden

Wir scheinen zu einer Weltgesellschaft zusammenzuwachsen. „Das ist großartig, aber das bringt auch Entgrenzung und Identitätsverlust. Weltbürger ist keine Identität“, erklärt Brandes. „Da sehen wir ja auch Bewegungen, wo Menschen mehr denn je nationalistisch werden, eben um in diesem verzweifelten Versuch eine Identität herzustellen.“ Eine Weltgesellschaft hat großes Konfliktpotenzial. Hier müssen wir emotional aufrüsten. Dabei geht es laut der Speakerin nicht um Harmonieherstellung. Harmonie bedeutet, dass wir die Unterschiede ausmerzen, dass wir absolut die gleiche Meinung haben. Aber es ist super, wenn wir andere Meinungen haben. Es geht darum, Frieden herzustellen. Frieden zu haben heißt ich lasse dir Deins und ich habe Meins. „Dazu brauche ich eine gewisse Selbstkompetenz, ich muss mein Eigenes erkennen“ sagt die Speakerin. „Und ich muss die Fähigkeit haben, das andere zu entdecken, zu realisieren, zu erkennen und damit umzugehen.“ Frieden bedeutet, beide Teile stehen lassen zu können und daraus ein Drittes machen.

Nicole Brandes unterschreibt Anna ein Buch

7 Erfolgsfaktoren für Kultur

1) Think rules before game 

Eine Kultur beinhaltet geschriebene und ungeschriebene Regeln. Sie sagen uns sofort, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Doch jede Kultur hat andere Regeln. Um aber als Team zu funktionieren, müssen wir Regeln haben, die jeder kennt und an die sich jeder hält. Folglich müssen wir lernen, die Regeln anderer zu erkennen und zu berücksichtigen und neue Regeln für eine Gemeinschaft aufstellen.

2) Think inclusion before result 

Es gibt ungefähr 200 akkreditierte Länder. Richard Lewis teilt die Welt in drei Farben auf. 

Richard Lewis teilt die Welt in drei Farben auf. 

Rot: Rote Kulturen reden viel und laut. Sie streiten häufig. Die Wahrheit ist flexibel. Beziehung kommt immer vor der Wahrheit. Körperbewegungen sind immer ausschweifend und Berührungen sind häufig. 
Gelb: Gelbe Kulturen hören lieber zu. Schweigen ist ein wichtiger Teil der Botschaft. Streiten geht überhaupt nicht. Harmonie ist das oberste Gesetz. Die Wahrheit kommt immer nach der Beziehung. Körperbewegungen sind absolut eng am Körper und Körperberührung geht überhaupt nicht. 
Blau: Blaue Kulturen reden halb so viel wie rote Kulturen. Sie sind eher kühl, nüchtern, zurückgezogen, reserviert. Die Wahrheit kommt immer vor der Beziehung und sie ist immer wissenschaftlich präzise. Streiten? Absolut! Und das basiert auf Daten und Fakten. Vor der Beziehung kommt auch Produkt, Planung, Präzision und Prising. Handeln ist immer eins nach dem Anderen. 

Blau macht bevölkerungsmäßig nichtmal 10% der Welt aus. Die Macht verschiebt sich von blau nach rot und vor allem nach gelb. Es ist also wichtig, dass wir uns bewusst werden, dass wir uns menschlich weiterentwickeln und mehr an die Gemeinschaft denken müssen.

3) Think we before me

Es gibt Ich-Kulturen und es gibt Wir-Kulturen. Blau ist eine Ich-Kultur. Rot und gelb sind Wir-Kulturen. Ich-Kultur bedeutet, dass ich allein verantwortlich bin für meinen eigenen Erfolg. Damit dieser Individualismus in einem Zusammenleben funktionieren kann, braucht es Regeln. Wenn diese Regeln mal ausfallen, haben wir ein Problem. Wir-Kulturen haben die Auffassung, dass die Widrigkeiten und Herausforderungen des Lebens nur gemeinsam in der Gruppe am besten gemeistert werden können. Dafür muss die Einzelperson ihre Wünsche hinter die der Gruppe stellen. „Damit das Zusammenleben gut funktioniert, brauchen die möglichst flexible Regeln, dass sie die Harmonie möglichst in jeder Situation wieder herstellen können“, weiß Brandes. 90% der Bevölkerung ist eine Wir-Kultur und das hat große Auswirkungen auf das Verhalten.

4) Think role before performance

In roten und gelben Kulturen gibt es eine unsichtbare Hierarchie. Jeder muss klar seine Rolle einnehmen. Es geht darum, dass man weis, wer in der Rolle des Obhutgebenden und wer in der Rolle des Obhutnehmenden ist. Der Obhutgebende hat die Aufgabe eines fürsorglichen Vaters. „Das heißt, sie nehmen sich Zeit für den Anderen, sie treffen die Entscheidungen, sie geben Schutz und Fürsorge“ meint die Autorin. „Als Obhutnehmender haben sie die Aufgabe eines fürsorglichen Sohnes. Das heißt, sie zollen Respekt, sie sind gehorsam, sie werden nicht infrage stellen, was der Andere sagt.“ Diese Rollen werden zum Beispiel sofort ausgecheckt, wenn man Visitenkarten übergibt. Mit deiner Rolle gehen unterschiedliche Erwartungen und Aufgaben einher. 

5) Think meaning before word

Kommunikation hält uns am Leben. Wir können Menschen nur bewegen, wenn wir uns mitteilen. In der Kommunikation sind nur 7% Inhalt. 93% geht über die Tonalität und Körpersprache. In der Körpersprache gibt es oft Missverständnisse. Außerdem haben blaue Kulturen einen sehr direkten Kommunikationsstil, der oft zu Konflikten führt. Und dann ist da auch noch die Dramaturgie. Wann sagen wir das Wichtige? In blauen Kulturen wird erst über das Wichtige gesprochen und danach ist Zeit zum Quatschen und Trinken. Rote und gelbe Kulturen kommen mit dem Wichtigen immer zum Schluss. Dann geht es weiter: Was heißt denn „ja“ oder „nein“? In blauen Kulturen heißt „ja“ einfach „ja“. Aber in gelben und roten Kulturen heißt „ja“ ganz vieles. Es ist vor allem eine Etikette der Höflichkeit. „Wir haben alle diese Apps, die uns helfen, Sprachen zu übersetzen. Aber es gibt einfach Dinge, die wir nicht übersetzen können“, erläutert Brandes. „Wenn sie mit Menschen unterwegs sind, die nicht die gleiche Sprache sprechen, dann ist Gestik eine gute Sache. Aber man muss sich einigen, was was bedeutet.“

The universal language ist not texted, emailed, or spoken. It’s felt. (Angela Ahrendts)

6) Think relations before time

Wir alle wissen, was Zeit ist. Aber wenn wir Zeit erklären müssen, wird es schwierig. Zeit ist auch eine kulturelle Sache. „Wenn in der Schweiz ein Zug zehn Sekunden Verspätung hat, dann sehen alle völlig entnervt auf die Uhr und haben das Recht, genervt zu sein. Sehr schnell kommt dann eine Ansage: Meine Damen und Herren, verzeihen sie bitte die Verspätung, der Zug kommt in zehn Sekunden“ lacht die Speakerin. „Können sie sich das in Indien vorstellen? Ich habe dort auf einen Zug acht Stunden gewartet.“ Was heißt kurz-, mittel- und langfristig? Der Gründer von Singapur hat einen Plan von 1000 Jahren gemacht. Die Eu von hat einen Wirtschaftsplan von zehn Jahren. Amerika hangelt sich von Quartal zu Quartal. Zeit ist ein soziales Orientierungssystem. Wenn wir da nicht im Gleichklang ticken, haben wir ein Problem. Auch bei Projekten gehen die Kulturen völlig auseinander. Die blauen Kulturen machen gleich einen Plan und akquirieren Ressourcen. In roten und gelben Kulturen passiert zunächst gar nichts und dann geht die Aktivitätskurve exponentiell nach oben.

7) Think Me-Q before We-Q

Ein Ahornblatt sieht jeder anders. Eine Raupe sieht es anders als ein Straßenfeger. Ein Fotograf sieht es anders als ein Kanadier. Wir sehen die Dinge nicht wie die Dinge sind. Wir sehen immer die Dinge wie wir sind. „Aber wie sind wir denn?“, fragt Brandes. „Technologie verändert wie wir arbeiten, wie wir wirtschaften, lieben und sogar wie wir sind. Wir leben in einer absolut entgrenzten Welt. Hier bieten Werte Identifikationsmöglichkeiten.“ Sie sind heute ganz wichtig, um sich identifizieren zu können. Der Ursprung der Wir-Intelligenz ist immer bei sich selber. Wir-Intelligenz braucht zuerst Ich-Intelligenz. Ich muss mir meinen eigenen Werten mehr denn je bewusst sein. Das gibt Kraft. In einer immer schneller werdenden Welt, braucht es immer mehr innere Stabilität.
Quelle: Nicole Brandes zum Thema Teamstärken – NN-ExpertenForum 2018
Bilder: Anna Neubauer; Lena Neubauer

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