Persönlichkeit

Was für ein Mensch willst du sein?

„In einem Strafverfahren gibt es einen ganz besonderen Moment für mich“, erzählt Strafverteidiger Dr. Erkan Altun in der Tafelhalle Nürnberg. „Es herrscht absolute Ruhe im Saal. Die Anspannung ist zum Greifen. Für alle Beteiligten, insbesondere für meinen Mandanten, ist es die Stunde der Gewissheit. Die Richter in ihren schwarzen Roben kommen herein. Alle im Saal erheben sich. Dann erfolgt von dem vorsitzenden Richter ein kurzer Moment des Innehaltens, ehe er das Urteil verkündet. Ich erlebe diesen Moment jetzt seit knapp 13 Jahren und es lässt mich kein Stück weniger kalt, dieser eine Moment, in dem sich so viel für das Leben meines Mandanten, ob nun zu recht oder zu unrecht, entscheidet.“ 

Das Böse existiert in jedem Menschen

Wir haben alle so ein Bild des typischen Kriminellen im Kopf. Die überraschendste Erfahrung für Altun war am Anfang seiner Karriere, dass scheinbar ganz normale Mitglieder unserer Gesellschaft zu Straftätern werden. Das Bemerkenswerte ist außerdem, dass die Person, die selbst die Straftat begangen hat, es sich auch nicht zugetraut hätte. Es gibt viele Gründe, warum Menschen Straftaten begehen. „Aber wenn man die ganze Sache mal banalisiert, gibt es einen sehr einfachen Grund“, meint der Jurist. „Das Böse existiert in jedem Menschen. In ihnen, in mir, es ist Teil unserer Natur.“
Es fällt uns relativ einfach, das allgemein für die Menschheit zu akzeptieren. Aber selbst meinen wir doch immer die Ausnahme zu sein. Das ist ein natürlicher Reflex. „Aber kann hier irgendwer im Saal tatsächlich von sich behaupten, noch nie einen bösen Gedanken gehabt zu haben?“, fragt Altun. „Allein die Tatsache, dass wir böse Gedanken haben, zeigt doch, dass da irgendwas tief in uns schlummert.“ Laut dem Juristen ist es nicht mehr allzu weit von bösen Gedanken bis zu einer bösen Tat. „Natürlich ist nicht jeder zu einer extremen Tat fähig, aber das Potenzial, anderen Menschen zu schaden, steckt in jedem von uns“, erklärt er.

Warum begehen einige von uns Straftaten und andere nicht?

Spontane Tat: Erfahren wir heftige Emotionen, wie Kränkungserlebnisse, kann jede Selbstkontrolle verloren gehen. Das Böse in uns kann ungehemmt, in Form von Aggressionen, ausbrechen. Das ist laut Altun aber nur eine momentane Verwirrung des Charakters. Sie hat keinen Einfluss auf unseren Charakter. Die Wut, die sich sofort entlädt, ist dann weg.

Schleichende Entwicklung: Neben den spontanen Taten gibt es noch eine schleichende Entwicklung. Die ist viel gefährlicher, weil sie Stück für Stück kommt. Kein Mensch wird böse geboren. Aber manche treffen in bestimmten Situationen ihres Lebens Entscheidungen und lösen dann eine Kette von Ereignissen aus, die am Ende etwas Schlechtes in ihnen hervorruft.

Erkenne dich selbst

Um die Auswirkungen unserer dunklen Seiten auf unsere Gefühle und Gedanken und dann auf unsere Entscheidungen und Handlungen zu erkennen, müssen wir sie aus dem Verborgenen holen. Wir müssen uns mit uns selbst auseinandersetzen. Nicht nur mit den guten Seiten und den Stärken, sondern auch mit den dunklen Seiten und den Schwächen. „Erkenne dich so wie du bist“, fordert Altun. „Das Wissen um unsere Fähigkeiten, um unsere Stärken aber auch um unsere Schwächen, das Wissen um unseren Charakter, um unsere guten aber auch unsere schlechten, dunklen Seiten, ist eine wichtige Entscheidungsgrundlage.“ Je besser wir uns kennen, desto besser können wir mit uns selbst umgehen. Je besser wir mit uns umgehen, desto besser können wir mit der Welt und den Menschen um uns herum umgehen. Selbsterkennnis gibt uns auch eine übergeordnete Orientierung. Wenn wir wissen was uns im Leben wichtig ist, können wir uns fokussiert Ziele setzen. Wenn wir wissen was uns ausmacht, gewinnen wir Kontur. „Selbsterkenntnis ist nach meiner persönlichen Überzeugung eine fundamentale Grundlage einer charakterstarken Persönlichkeit“, sagt der Speaker.
„Unsere dunklen Seiten, und damit mein ich alles was negativ angehaucht ist, Egoismus, Gier, Geiz und so weiter, sind nicht per se schlecht“, meint Altun. „Wir können sie auch für uns nutzbar machen.“ Eine dosierte Portion Aggression kann Menschen, die uns nicht sympathisch sind, schön in die Schranken weisen. Die Dosis macht das Gift. Aber um etwas zu dosieren, müssen wir uns erstmal bewusst darüber werden.

Positives Selbstbild:
„Ich bereite meine Mandanten immer auf die Hauptverhandlung vor, da geht es darum sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen“, erzählt Altun. „Wenn es um objektive Umstände geht, die glasklar darliegen, haben sie extreme Probleme das einzusehen, wenn dieser Umstand ein ungünstiges Licht auf ihren Charakter wirft.“ Wir Menschen leiden unter einem psychischen Systemfehler in der Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung. Der Grund ist ein psychologisches Phänomen, welches tief in unserer menschlichen Natur verankert ist: Das Bewahren eines positiven Selbstbilds. Wenn das positive Selbstbild nicht passt, dann werden die Bilanzen einfach optimiert. Die Angst davor, vor anderen als Versager dazustehen, alleine hier zu sein, lässt uns nach einem positiven Selbstbild streben.

Anna und Erkan Altun vor den Sitzreihen in der Tafelhalle Nürnberg

Moral

Jeder kommt einmal in eine Situation, in der sein Sinn für angemessenes Verhalten getestet wird. Im Kern zeichnen sich diese Situationen alle durch einen Konflikt aus. Wir erreichen einen Vorteil, ein Begehren, wenn wir uns falsch verhalten. „Was ist es denn, was uns falsch oder richtig handeln lässt?“, fragt der Strafverteidiger. „Im Bezug auf unsere Persönlichkeit ist es vor allen Dingen unsere moralische Identität.“ Die Moral in uns entscheidet was für uns in Ordnung ist und was nicht. Sie spiegelt unsere Persönlichkeit wieder: Vorlieben, Abneigungen, einschneidende Erlebnisse. „Das bedeutet zweierlei“, sagt er. „Obwohl wir alle in derselben Gesellschaft sind, haben wir unterschiedliche moralische Vorstellungen. Was für einen in Ordnung ist, kann für den Anderen ein absolutes Tabu sein. Der zweite Punkt ist, sie sind nicht in Stein gemeiselt, die können sich ändern.“ 

Moral ist noch viel mehr. Sie ist der Maßstab für den sozialen Umgang miteinander. Doch Moral ist nicht selbstverständlich. Vor allem dann nicht, wenn sie für uns Nachteile bereit hält. Im Gegensatz zu moralischem Urteil, das gibt es umsonst. 

Gründe für unmoralisches Verhalten

Prinzip der Gegenseitigkeit: Wir sind alle dann bereit uns moralisch zu verhalten, wenn wir wissen, Andere tun es auch. Das beruht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Oftmals wissen wir, was richtig und was falsch ist. Trotzdem schauen wir erstmal, wie Andere sich in dieser Situation verhalten und machen dann dieses Verhalten zum Maßstab von unserem eigenen Verhalten.

Gerechtigkeitswahrnehmung: Wenn wir ungerecht behandelt werden, sinkt die Hemmschwelle für unmoralisches Handeln rapide. „Rache ist so süß, so verführerisch, dass wir dafür sogar eigenen Scham in Kauf nehmen“, erläutert Altun.

Intelligenz: Je intelligenter eine Spezies ist, desto häufiger greift sie auf taktische Täuschung zurück. Kleinkinder geben vor zu weinen, schauen ob jemand guckt und wenn niemand guckt, weinen sie weiter. „Es wird doch nicht besser, wenn wir erwachsen werden“, lacht der Jurist. „Die funktionierende Gesellschaft als solche funktioniert doch nicht ohne.“

Rationalisieren: Solange wir unser unehrliches Verhalten in irgendeiner Form erklären können, eine gute Entschuldigung dafür finden, hat es keine Auswirkungen auf unser positives Selbstbild. „Wir alle sind moralisch flexibel, der eine mehr, der andere weniger“, erklärt Altun. „Das erlaubt uns in vielen Lebensbereichen Unehrlichkeiten.“
„Jetzt muss ich sie warnen“, ruft er. „Jedes Mal wenn wir uns moralisch flexibel verhalten, haben wir eigentlich schon die Grenze überschritten.“ Dabei kann es passieren, dass wir die Grenzen komplett verlieren. Die erste Grenzüberschreitung verändert unsere Perspektive. Wir haben etwas Falsches getan und fühlen uns schuldig. Wir sagen zu uns, dass das nie wieder passiert. Dann vergeht einige Zeit und rückblickend war es doch nicht so schlimm. „Jetzt ergibt sich nochmal die Möglichkeit und es fällt uns wesentlich leichter diese Grenze zu überschreiten“, erklärt Altun. „Bis sich das in eine Situation entwickelt, wo wir solche Situationen ganz bewusst suchen.“ Es kommt ein Gewöhnungseffekt. „Alles was von uns einmal als moralisch okay abgekauft wird, wird zu neuem Verhalten und davor müssen wir uns schützen“, warnt er. „Gar nicht so sehr, weil wir jetzt alle Gefahr laufen kriminell zu werden, aber weil wir Gefahr laufen, in Wege zu kommen, die wir gar nicht für uns wollen.“

Wie können wir „falsche“ Entscheidungen verhindern?

Vor allen Dingen bei moralischen Entscheidungen sollten wir unsere Intuition mit rationalem Denken verbinden. Durch die Selbsterkenntnis können wir ganz bewusst in die Abwägung kommen. Der nächste Schritt ist, dass man ein Gespür für die eigene moralische Identität entwickeln muss. Wenn man seine eigenen moralischen Grenzen kennt, dann fällt es einem leichter, sich auch an diese zu halten. Moralische Grenzen erkennst du an Schuld- und Schamgefühlen. Diese Gefühle zeigen uns oft, dass wir gerade dabei sind uns selbst zu schaden.

Menschen sind nicht unfehlbar

Trotzdem wird es Fehler geben. Wir werden Grenzen überschreiten. Wir werden Schuld auf uns laden. Viele von uns denken, dass Fehler zu machen ein Zeichen von Schwäche ist. „Ein Glaubenssatz, der psychisch unfrei macht und auch völlig unnötig ist“, sagt Altun. „Fehler zu machen, bringt uns im Leben extrem weiter.“ Durch überstandene Krisen werden wir stärker, weil wir lernen wie man mit solchen Situationen umgeht. Wir bekommen mehr Selbstsicherheit für zukünftige Krisen. „Manchmal verhelfen sie einem zu wichtigen Einsichten“ weis er. „Man muss manchmal deutlich auf die Schnauze fallen, um zu merken, dass man sich nicht auf dem richtigen Weg befindet.“ Diese Einsicht gibt uns die Möglichkeit für einen Neuanfang. Um am besten aus den Fehlern zu lernen, müssen wir uns aber auch die Schuld eingestehen.

Werte

Wenn wir moralische Entscheidungen treffen, brauchen wir auch einen entsprechenden Willen das Richtige zu tun. Charakterstarke Persönlichkeiten weisen einen dauerhaften Willen auf, das Richtige zu tun. Der Rückschluss ist einfach. Immer wenn wir eine moralische Entscheidung treffen, beantworten wir damit gleichzeitig die Frage, was für ein Mensch wir im Leben sein wollen. Charakterstarke Persönlichkeiten können diese Frage relativ einfach beantworten, weil sie eine starke Verbindung mit ihren eigenen Werten haben. „Mir gehts ganz konkret um unsere individuellen Werte“, äußert Altun.  „Was ist für mich im Leben wichtig? Was treibt mich an? Wofür wäre ich bereit zu sterben?“ Wenn man das abstrakt fasst, dann sind das unsere Werte. Sie geben uns Orientierung im Leben. Sie sind ein idealer Maßstab, an dem wir unsere Entscheidungen messen können. Durch unsere Werte können wir unserem Leben eine Bedeutung geben.
Wann immer wir Dinge tun, die nicht mit unseren Werten übereinstimmen, entstehen in uns innere Spannungen. Wenn wir über zu langen Zeitraum wider unserer Werte handeln, wider dem handeln was uns im Leben wichtig ist, laufen wir Gefahr unsere Orientierung und Identität zu verlieren. „Diese Erfahrung mache ich mit meinen Mandanten“ erzählt der Jurist. „Da muss immer erst etwas Dramatisches passieren, ehe wir wachgerüttelt werden und erkennen, dass das, was uns im Leben wichtig ist, nicht den Stellenwert hat den es haben sollte.“
„Am Ende aller Tage kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen als die Erfahrung zu machen, dass man die eigene Existenz versäumt hat. Dass man das versäumt hat, was im Leben wirklich wichtig ist. Weil dann kann man es nicht mehr wieder gut machen“, findet Altun. „Am Ende aller Tage von sich behaupten zu können, seinen eigenen Weg gegangen zu sein, welch ein Erfolg für die Persönlichkeit.“

Impuls

„Verbringen sie etwas Zeit mit sich selbst“, fordert Altun. Heute im Zeitalter der sozialen Medien ist das schwierig geworden. Man geht sogar mit seinem Handy auf’s Klo, um ja nicht Zeit mit sich allein zu verbringen. „Meine Mandanten in Untersuchungshaft sind um nichts zu beneiden, aber die haben ohne Ende Zeit. Die sind die erste Zeit nur alleine in ihrer Zelle“, merkt Altun an. „Die, die intellektuell dazu in der Lage sind, nutzen diese Zeit. Die setzen sich mit sich selbst auseinander. Man sollte sich mal selber der Freiheit berauben.“ Es ist nicht so, dass du sofort alle deine Werte kennst. Es ist ein Prozess, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Doch es lohnt sich.
Quelle: Dr. Erkan Altun zum Thema Werte – NN-ExpertenForum 2018
Bilder: Anna Neubauer

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