Ali Mahlodji auf der Bühne
Persönlichkeit

Bring dein Potential in die Welt

 

„Das Leben beginnt mit einem Zufall. Am Tag unserer Geburt hatten wir keine Ahnung, ob wir in Frankreich, Deutschland oder Syrien geboren sind. Wir hatten keine Ahnung, ob wir Mann oder Frau sind und ob das im späteren Leben mal ein Vorteil oder ein Nachteil ist“ erzählt Ali Mahlodji seinem Publikum. „Unsere Hautfarbe, unsere Haarfarbe, unser Alter, das alles haben wir uns nicht ausgesucht. Sogar unseren Vornamen haben andere Menschen für uns festgelegt.“

Auf der anderen Seite wissen wir auch nicht, wie alt wir werden. Schon morgen könnte es vorbei sein. Unser Leben besteht aus Zufällen. „Menschen, die uns oft so wichtig sind, waren eines Tages Fremde“, erklärt der Speaker. „Aber wir lassen uns auf sie ein. Dadurch entdecken wir Kreuzungen, Wege und Lösungen, die jeder einzelne alleine niemals gesehen hätte.” 

Wenn es aber um unsere Zukunft geht, denken wir immer, dass wir nicht mit Veränderung umgehen können. Wir wollen diese Sicherheit im Leben. Wir haben Angst vor dem Neuen. Wir haben Angst, die Welt selbst zu gestalten. „Deshalb will ich euch daran erinnern, woraus unser Leben gemacht ist“, sagt Mahlodji. „Ich will euch an euch selbst erinnern.“

Wie sind wir zu dem geworden, wer wir heute sind?

Du denkst, dass du nicht mit Fehlern umgehen kannst oder nicht lernfähig bist? Dann will dich Mahlodji an etwas erinnern: „Es gibt zwei Dinge, die für unser Gehirn am schwierigsten sind.“ Das Erlernen einer neuen Sprache und der aufrechte Gang. Wie haben wir das als Kinder gelernt, ohne Druck, ohne Prüfung? 

Wir werden geboren und haben keine Ahnung, dass es die Sprache gibt. Irgendwann beginnen wir unseren Gegenüber zu spiegeln, uns mitzuteilen und Assoziationen zu bilden. Wir fangen auch nicht sofort an zu laufen. Wir machen die ersten Schritte und fallen hin. Wir machen einen Fehler, aber das ist nur ein Weg herauszufinden, wie es nicht funktioniert. Wir versuchen es so lange bis wir es können, weil wir unbedingt wollen und unser Umfeld es uns zutraut. Unsere Eltern fiebern mit und glauben an uns. „Manche Kinder schlagen sich die Knie an und beginnen zu weinen“, bemerkt der Speaker. „Aber ich habe noch nie ein Kind gesehen, das in einer Ecke sitzt und sagt: Ich habe es jetzt 40 mal versucht, das wird nichts mehr, ich hab kein Talent.“ Das Kind, das aufgegeben hat, die schwierigsten Dinge der Welt zu lernen, wird man nicht finden.
Dann haben wir da noch einen dritten Faktor. Als Kind fragen wir die ganze Zeit nach dem ‚warum‘. Wir sind neugierig, wir stellen Dinge in Frage. Genau das brauchen wir auch als Erwachsene in der Zukunft.

Dann sind da noch diese Glaubenssätze…

Ein paar Jahre später fangen wir an zu malen. Wir zeichnen Formen in einer Art und Weise, wie wir sie sehen. Wir malen zum Beispiel Häuser mit runden Fenstern. Dann heißt es Fenster sind nicht rund, Fenster sind eckig. Zwei Jahre später sehen die Häuser von allen Kindern gleich aus.

In der Schule hören wir, wir wären sportlich oder sprachlich nicht begabt. Es gibt Menschen, die haben das Potential und andere, die haben es nicht. Jahre später trauen wir uns nicht eine neue Sprache zu lernen, weil wir denken wir haben kein Talent.
Das alles stimmt nicht. Das sind Glaubenssätze, die uns hemmen. Sie werden uns von unserem Umfeld mitgegeben. „Wir Erwachsenen müssen wirklich aufpassen, wie wir die Welt anderer Menschen prägen“, meint Mahlodji. Heute wollen Unternehmen Menschen, die über die Grenzen hinaus denken, die kreativ sind und sich was trauen. Wir vergessen, dass jedes Kind das in sich hatte. 

Wir müssen uns mehr zutrauen

„Ich glaube, dass wir die Zukunft unserer Welt nicht durch mehr Technologie oder Wissen verändern. Wir können auf das Wissen der Welt zugreifen“, meint der Speaker. „Aber uns fehlt oft diese Weisheit, wie wir als Gesellschaft in die Zukunft blicken.“ Es gibt keine Menschen, die nicht wollen oder können. Es gibt nur Menschen, die das Gefühl haben nicht gut genug zu sein. Was wir heute mehr denn je brauchen, sind Menschen, die Mitmenschen in ihrer Würde sehen. Wir müssen unseren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen und ihnen etwas zutrauen. Wir müssen verstehen, dass jeder Mensch eine Lebensgeschichte hat, die ihn geformt hat. „Wenn andere sagen, dass du nicht gut genug bist, dann ist es ihre Sichtweise“, findet Mahlodji. „Das hat nichts mit dir selbst zu tun.“ 

Tipp von Alis Mutter: Hör auf dich mit anderen zu vergleichen. Unter sieben Milliarden Menschen gibt es immer jemanden, der in irgendetwas besser ist als du. Vergleich dich nur mit dir selbst. Wer warst du vor zehn Jahren? Was hast du vor drei Jahren durchgemacht? Wer bist du heute? Dann siehst du, was du in deinem Leben schon alles geschafft hast.

Wir schreiben die Zukunft

Laut Mahlodji ist das Wichtigste in dieser Welt, Dinge umzusetzen. Auch wenn man nicht weis, wie es funktionieren soll, es geht darum zu springen und sich zu trauen. Es geht darum Dinge umzusetzen, wo andere sagen, dass du scheitern könntest. Natürlich können wir scheitern. Aber wir sollten uns mal darauf fokussieren, dass die Generationen vor uns Europa aufgebaut haben und wir das nutzen müssen. „Wir sollten Ideen umsetzen, von denen wir sagen, die hätten wir uns selbst gewünscht“, sagt der Speaker. „Anstatt andauernd anzuzweifeln, was wir verlieren könnten.“
Wenn Menschen uns sagen, dass etwas nicht funktioniert, dann haben sie laut dem Speaker auch Recht. In ihrem Weltbild funktioniert es nicht. „Wenn wir Ideen haben, dann ist das unsere Wahrheit“, erklärt er. „Wir können nicht von Menschen erwarten, dass sie die Welt mit unseren Augen sehen. Denn wir sind verdammt einzigartig.“ Es liegt an uns, unsere Ideen in die Welt zu bringen, damit andere verstehen, was wir damit meinen. Es liegt an uns, die Zukunft mitzuschreiben und die Welt zu verändern.
Und auch wenn wir scheitern, geht es weiter. Jeder von uns hatte schonmal ein richtiges Tief. „Aber wir stehen noch immer“, sagt der Speaker. „Das ist die Sache, die den Widerstandsmuskel unseres Lebens ausmacht.“ An Hürden wachsen wir. Wir scheitern uns im Leben nach oben. Das vergessen wir oft.

Anna und Ali Mahlodji

Ali Mahlodji – ein Fehler im System

Ali Mahlodji wurde 1981 im Iran in einer Akademikerfamilie geboren. Im Iran hast du jedoch keine freie Meinung. Weil seine Eltern ein einziges Mal auf der Straße demonstriert haben, mussten sie fliehen. Ali war damals zwei Jahre alt. Mit Hilfe von Amnesty International und der UNO schaffte es seine Familie nach Österreich. In einem Flüchtlingsheim vor den Toren Wiens wuchs er auf.

„Ich war immer ein Fremder in einem fremden Umfeld“, meint er. „In der Schule haben einige Kinder gesagt, dass ich braun bin und einen komischen Namen habe. Ich habe das nicht verstanden. Ich habe mir das ja nicht ausgesucht.“ Am Tag unserer Geburt wissen wir nicht, dass es Unterschiede zwischen uns gibt. Erst später durch die Eingliederung in die Gesellschaft beginnen wir, die Unterschiede zu leben.

Mit 13 Jahren haben sich Alis Eltern getrennt. Sein Vater ist an der Flucht zerbrochen. „Für mich war das ein Schock“, erklärt der Speaker. „Ich habe wochenlang kein Wort mehr sagen können.“ Über zehn Jahre seines Lebens hat er gestottert. Als er erfahren hat, dass es beim Abi mündlichen Prüfungen gibt, hat er Panik bekommen und die Schule abgebrochen. 

Bis zum heutigen Tag hatte Ali über 40 Jobs. Schon während der Schulzeit arbeitete er auf Baustellen und als Briefträger. Sein Vater hat immer zu ihm gesagt: „Lass dir nicht von Menschen erzählen, welcher Job der richtige für dich ist. Erst wenn du Jobs probierst, wirst du merken was du kannst und was nicht.“ Sein erster Vollzeitjob nach dem Schulabbruch war Boden putzen in einer Apotheke. Ali war neugierig, hat alles gelernt und immer mehr Aufgaben bekommen. Nach 1,5 Jahren war er im Labor der Apotheke Leiter von elf Personen, der einzige ohne Ausbildung. „Plötzlich hatte ich einen Chef, der an mich glaubt“, strahlt der Speaker. „Das war für mich ein totaler Boost. Ich habe die Abendschule und einen Bachelor of Science gemacht.“ Danach war er Unternehmensberater bei Siemens und anschließend Global Engagement Manager in einem amerikanischen Konzern. Damals haben ihm alle gesagt er hätte es geschafft. „Aber ich war so ein Arschloch“, lacht er. „Es ging nicht mehr darum, etwas gemeinsam zu machen sondern nur noch gegeneinander.“ 

Nachdem sein Vater mit 53 Jahren verstarb, hatte Ali einen Burnout. Er hat sich dann gefragt, was er aus seinem Leben machen will. Durch einen Freund hat er herausgefunden, dass er als Kind seine Lehrer bewundert hat. „Wenn ein Lehrer es schafft, einem Jugendlichen etwas für die Zukunft mitzugeben, dann hat er das Schicksal einer Person für immer verändert“, findet er. So ist Ali dann Lehrer für Mediendesign in einem Gymnasium in Wien geworden. 

Heute ist er Gründer und Führungskraft der Website whatchado, EU-Jugendbotschafter, Autor, Trendforscher beim Zukunftsinstitut im Bereich Arbeit und Bildung und Leiter des Bereichs Bildung in der Akademie für Potenzialentfaltung.

Flüchtling, Schulabbrecher, falscher Nachname, Manager, EU-Jugendbotschafter. „Wenn du dir in der heutigen Welt so einen Lebenslauf ansiehst, dann würden die meisten Menschen sagen: Herr Mahlodji, Sie sind eigentlich ein Fehler im System“, scherzt der Speaker. „ Das habe ich mein halbes Leben lang gehört. Hör nicht auf Menschen, die dir sagen was alles nicht geht. Hör auf die eine Person, die an dich glaubt.“

whatchado – eine Website mit Lebensgeschichten

Ab einem gewissen Alter fragt dich jeder, was du später mal machen willst. „Woher soll man das wissen als Kind?“, fragt Mahlodji. „Es gibt auf der Welt 1000 Jobs, 1000 Möglichkeiten. Niemand kennt alle Jobs der Welt. Aber wenn ein Kind keine Ahnung hat, dann gibt es oft Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen.“

In der Schule hatten Mahlodji und seine Freunde eine Idee. Sie wollten eine Art Handbuch mit Lebensgeschichten: Warum tun Menschen das was sie tun? Erwachsene haben ihnen erklärt, dass das nicht funktionieren würde. „Als Kinder glaubten wir es“, erzählt der Speaker. „Als ich Lehrer war, bin ich darauf gekommen, dass diese Idee auch jetzt noch für Kinder interessant ist. Für Jugendliche, die bei der Jobsuche nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen.“ Bücher sind heute jedoch für die meisten Kinder langweilig. So ist die Idee entstanden zu der Website whatchado. Eine Website, auf der Menschen in kurzen Videos erzählen, wer sie sind und was sie tun.


„Wir wollten die Welt retten mit diesem Projekt“, grinst Mahlodji. „Mein Ziel mit dieser Plattform war es immer, einem Menschen, der keine Perspektive hat, sehr wohl eine Perspektive zu zeigen.“ Er wollte den Menschen verdeutlichen, dass das Leben keine gerade Linie ist. Es ist ein Zickzackkurs und es gibt die verschiedensten Wege. „Wenn man das Weltbild einer Person, die gerade nicht an sich glaubt, zum positiven dreht, dann haben wir die Welt und die Zukunft dieser Person gerettet“, findet Mahlodji.
Quelle:  Ali Mahlodji zum Thema Entrepreneurship – NN-ExpertenForum 2018
Bilder: Anna Neubauer; Johannes Augustin

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