Anna und Stephan Kalhamer
Persönlichkeit

Alltagstipps vom Poker-Profi

Stephan Kalhamer, Pokerexperte und Coach, zeigt in der Tafelhalle Nürnberg ein Video aus einer tollen Zeit: Er spielt Poker und gewinnt. Anschließend zeigt er dem Publikum einige seiner Trophäen. „Bin ich denn nicht dümmer?“ fragt er in die Runde. „Muss ich mir selbst so einen Druck aufbauen?“ Doch der Experte hat sich etwas dabei gedacht. „Was ist all dem gemeinsam?“ will er wissen. „Es ist Passé. Es ist Vergangenheit. Passiert.“ Laut ihm sind das keine Trophäen. Es sind Mahnmale: „Stephan erinnere dich an deine Werte. Stephan überlege dir, warum du aufgebrochen bist auf deinem Weg. Was hat dich immer interessiert?“

Stephan Kalhamer haben schon immer die Mathematik und die Spiele interessiert. Ihn hat als Kernfrage immer interessiert: Was kann ich heute Sinnvolles über das Morgen aussagen? Der Coach wollte schon immer volles Risiko gehen, falsch zu liegen. Nicht weil er auf falsch liegen steht, sondern weil laut ihm eine Aussage nur dann etwas wert ist, wenn sie noch unsicher ist.  „Ich will keiner von diesen altklugen Leuten sein“ meint Kalhamer. „Wie viele Leute gibt es, die einem heute sagen was gestern richtig gewesen wäre?“ Was ist das wert? Nichts. „Ich stehe für Entscheiden im Ungewissen und möchte Impulse für das tägliche Handeln geben“ sagt er.

Wie funktioniert Poker?

Jeder Spieler bekommt verdeckt zwei Karten. Diese behält er des ganze Spiel über. Dann handelt der Spieler. Das bedeutet, er sieht sich seine Karten an und empfindet. Er empfindet zum Beispiel Gier bei guten und Trauer oder Wut bei schlechten Karten. „Ekel ist da auch ein ganz dominantes Gefühl“ witzelt Kalhamer. Dann entwickelt man einen Plan, egal was man vorher empfunden hat und egal wie sinnig die Gedanken sind. „Man sagt also ich tue jetzt dieses oder jenes und dann führt man aus“, meint der Coach. „Die Ausführung ist kein Kartenklopfen, sondern die Unterbreitung eines finanziellen Angebots, die Schaffung eines Marktes.“ Dann ist der Gegenüber dran. Er macht das Gleiche. Wenn sich die Pokerspieler geeinigt haben, sprich wenn jeder auf Basis seiner eigenen Empfindung gleichviel bezahlt hat, dann ist das Thema durch. Anschließend kommen drei Karten offen in die Mitte des Tisches. Diese Karten sind Gemeinschaftskarten. Sie stehen jedem im Spiel gleichzeitig zur Verfügung. Damit hat sich das Schicksal geändert. „Vielleicht passen meine Karten zu denen in der Mitte, vielleicht nicht. Vielleicht hab ich mich verbessert, vielleicht hab ich mich verschlechtert“ erzählt Kalhamer. „Auf jeden Fall haben wir eine neue Situation und dann redet man wieder darüber.“ Ich kann setzen. Ich kann groß setzen, ich kann klein setzen. Dann folgt eine vierte Gemeinschaftskarte in die Mitte des Tisches und wieder eine Verhandlungsrunde. Dann eine finale fünfte Gemeinschaftskarte und eine finale vierte Verhandlungsrunde. Wenn dann mehr als der Spieler, der tatsächlich das beste Blatt hat, behaupten das beste Blatt zu haben, dann müssen die Karten auf den Tisch. Dann kommt der Showdown. Einer freut sich, die Anderen eher nicht.

Poker ist kein Kartenspiel. Poker ist ein auf Spieltheorie basierender, psychologisch geführter Finanzwettstreit.

Laut Kalhamer ist Poker ein Kommunikationsspiel. Die Interaktion, der Markt, der zwischen den Spielern erzeugt wird, ist das Wesentliche des Spiels. Die Sprache, in der gesprochen wird, ist der Finanzmarkt. Und diese Karten sind halt auch dabei. Mehr sind sie nicht wert.

3 Entscheidungskategorien

Es gab eine Zeit, da hat Kalhamer sehr viel online gespielt. Er hat das bis auf ein Level gespielt, dass er 40 Partien gleichzeitig hatte. Das sind 3200 Entscheidungen pro Stunde, etwa eine Entscheidung pro Sekunde. Dazu muss man cool und gut organisiert sein. „Es gibt nichts, was mehr Vorbereitung bedarf als Spontanität“ meint er. „Ich muss mir also gut überlegen, wie mein Blick arbeitet, was er wahrnimmt, was wesentlich in der Sekunde ist, die er im Schnitt hat.“ Für Entscheidungen hat er drei Kategorien designt:

Einfache Entscheidungen:
Einfache Entscheidungen sollte man einfach einfach sein lassen. Passiert das in unserem Alltag auch so oder machen wir nicht immer wieder Sachen unnötig kompliziert? „Ich habe 40 Partien gleichzeitig. Es ist Hochverrat an den anderen 39 Partien, wenn ich eine Sache, die eigentlich easy ist, zu ner Wissenschaft erhebe“ sagt er. „Uuh vielleicht mach ich doch was Anderes. Nein mach ich nicht. Dafür habe ich die Erfahrung, dafür habe ich erkannt, dass es einfach ist.“ Einfache Dinge einfach halten. Dadurch haben wir Zeit und Kraft für die zweite Kategorie.

Schwere Entscheidungen:
Die schweren Situationen sind die, die wir noch nicht so vereinfacht und emotionalisiert haben. In schwierigen Situationen müssen wir sorgfältig und gründlich sein. „In Situationen, in denen ich mal nicht weis, was ich machen soll, da muss ich halt rechnen“ lacht Kalhamer. „Und weil ich da auch einigermaßen fix bin, reichen mir 3, 4, 5 Extrasekunden.“

Zu schwere Entscheidungen:
Jeder von uns hat sehr viele Stärken in vielen Bereichen. Aber es gibt diese eine Sache, die achst jeden Tag auf und macht damit das eigene Leben und auch das seiner Umgebung schlechter. Das muss nicht sein. „Wenn sie irgendwas die letzten drei Monate nicht gelöst habe, unterschreibe ich ihnen, das werden sie auch nicht mehr lösen“ meint der Pokerspieler. „Also warum nicht gleich entscheiden? Ist ja doch nur Zufall.“ Irgendwann ist der Punkt überschitten. Man muss sich ehrlich eingestehen, dass man das Thema nur noch vor sich hintreibt. Man ist nicht in der Lage eine Entscheidung zu treffen. „Das ist traurig, denn ich könnte an so viele andere Dinge denken, ich könnte so viele andere Dinge gut machen, dass es letztlich egal ist, was ich an diesem Punkt entschieden habe“ sagt er. „Aber dafür brauche ich die Coolness. Ich muss einfach sagen: „Das ist schwieriger als ich es leisten kann, machen wir irgendwas oder lassen wir es auch bleiben, aber konzentrieren wir uns nicht drauf. Kümmern wir uns um das, was wir können.“ Die schwierigsten Sachen sind nicht immer die Wichtigsten.

Tipps für den Alltag

Nicht eitel sein
Eines hat Kalhamer beim Poker gelernt: Nichts zahlt besser als Eitelkeit. „Okay ich geb zu, Dummheit zahlt auch gut“, scherzt er. „Aber die Eitelkeit ist meine Lieblingssünde. Manchmal hat man Leute, die haben so viel drauf, sind aber eitel. Die kann man ein und ausschalten wie Lichtschalter und die haben auch keinen Dimmer. Die flippen völlig aus.“

Ein Thema abschließen
„Das ist was Schönes am Pokertisch“, findet der Coach. „Wenn ein Thema durch ist, lässt man es auch mal gut sein.“ Das ist im Alltag meist nicht so. Da ist eigentlich längst etwas zu Ende diskutiert und trotzdem fängt wieder einer an.

Entscheidende Frage stellen
Es gibt diesen Moment, wo sich Kalhamer von seiner Privatperson in den Pokerspieler wandelt. Ein Moment, in dem er sich immer eine ganz entscheidende Frage stellt: Stephan, was zur Hölle tust du hier eigentlich? Diese Frage empfiehlt er jedem. Wir sollten uns immer wieder hinterfragen, was wir eigentlich gerade tun. Ich gebe mir dann eben nicht die Antwort, wie es viele meiner Gegner tun“ erzählt er. „Joa, bisschen Datteln, bisschen Spaß haben, dabei sein,…Können sie machen. Gut für mich. Der Punkt ist, mir ist sonnenklar wie hart der Pokertisch ist.“

Für den Menschen entscheiden
Kalhamer war, ist und möchte nie reiner Pokerspieler sein. „Ich kann mir da ein gutes Leben draus finanzieren, aber in welche Werte investiere ich?“ fragt er. „In puren Egoismus, in puren Wettkampf. Ich laufe durch die Gegend und überlege mir, wie jemand tickt. Sobald ich es weis, mache ich ihn platt.“ Wenn wir verstanden haben wie jemand tickt, müssen wir anders abzweigen. An der Stelle müssen wir sagen: Ich weis jetzt wie du tickst. Ich weis, was du gern hast. Ich weis, was du gar nicht gern hast und jetzt verhalte ich mich so, dass es dir gefällt.

Poker lehrt, risikoneutral zu denken, kontrolliert mutig zu sein, fundiert zu entscheiden und aktiv vorwärts zu denken.

Risikoneutral denken
Wir müssen fair und nicht zu euphorisch denken. Wir müssen die positiven und die negativen Seiten sehen. Wir müssen immer beide Seiten sehen und die Summe der Möglichkeiten miteinander abwägen. Wenn es eher gut läuft, dann sollten wir es machen. Wenn es eher schlecht läuft, dann sollten wir es lassen.

Kontrolliert mutig sein
Mit Mut verbinden die Meisten etwas Positives. „Ich bin kein Freund vom Mut, ich bin ein großer Freund von Feigheit“ erklärt der Experte. „Wenn ich feige sein darf und es trotzdem gut läuft, passt es.“ Mut brauchen wir erst, wenn es nicht so richtig rund läuft. Mut ist immer auch in Verbindung mit dem anderen positiv behafteten Wort: Hoffnung. Kalhamer sagt in seinen Pokercoachings immer: „Hoffen heißt hinten sein. Wer noch was braucht, hat noch nichts.“ Der Blick des Hoffenden geht nach oben. Das Problem beim Raufschauen ist, dass man unten ist. Kalhamer hat gelernt an die Furcht zu glauben und sie als Freund zu sehen. Wenn man Furcht hat, blickt man nach unten ins Tal, ins Elend. „Es ist das Privileg eines Champions, dass er etwas zu verlieren hat. Darüber sollte man mal genau nachdenken“ weist der Coach hin.

Nicht ärgern
„Wie oft habe ich mich geärgert über Situationen, wo einem im letzten Moment die Butter vom Brot geschmiert worden ist. Bis ich erkannt habe, dass das die größte Auszeichnung ist, die ich haben kann. Ich habe wieder mein Geld untergebracht und es hat massiv für mich gearbeitet. Es war ein hochlukratives Szenario, nur nicht in diesem Moment“, lacht Kalhamer. Er hat gelernt, dass er mehr sein Glück wahrnimmt und sich nicht mehr so ärgert, wenn es mal doof läuft. Wir regen uns meist viel zu lang über ein und denselben Vorfall auf.

Nicht ergebnisorientiert denken
Unsere Gesellschaft ist unglaublich ergebnisorientiert. Auch das prangert der Pokerspieler mit seinen Trophäen an. „Warum darf ich hier denn heute sprechen?“ fragt er. „Weil ich was erreicht habe. Vielleicht hatte ich auch Glück. Hätte ich es aber nicht gehabt, würde ich dasselbe denken, aber keiner würde zuhören.“ Laut Kalhamer sollen wir uns gut überlegen wem wir nachfolgen: „Ich versuche mich an Leuten zu orientieren, wo ich denke, dass sie es auch an anderen Stellen in anderen Umgebungen gemacht hätten.“

Aktiv vorwärts denken 
Hier zieht der Experte eine klare Trennung zwischen vor und nach einer Entscheidung. Vor einer Entscheidung ist er unglaublich gründlich. Er versucht alles miteinzubeziehen. Wozu macht er das? Er will sich im harten Umfeld des Pokertisches den einzigen Freund erhalten, den er hat: sich selbst. „Sonst meint es da keiner gut mit mir“ erzählt er. „Wenn ich aber Entscheidungen treffe und dann nur weil es mal schlecht läuft, anfange mich selbst zu zermadern, dann kann ich das Geld auch gleich verschenken.“

Gefaltete Hände zeigen eine Burg
Diese Geste beschreibt seine Burg: „Innerhalb dieses Dreiecks liegt mein Kartengeheimnis, mein Kapital und meine Ideen. Diese Troika, das bin ich als Pokerspieler und alles außerhalb dieses Gemäuers ist Feind. Deshalb muss ich da drinnen zumindest Frieden haben, weil draußen tobt der Unfug.“ Deshalb ist Kalhamer vor jeder Entscheidung hart mit sich selbst. Wenn er dann spielt, dreht sich sofort auch seine Psyche: „Ich schlage drei Kreuze und ich verzeihe mir selbst alles was da kommen mag.“

Umwelt erfassen und Chancen erkennen
„Man muss immer wieder entscheiden, an welcher Stelle man welchem Aspekt des Spiels die Vorfahrt gibt“ erklärt der Coach. „Es gibt Situationen, die sind kartengesteuert. Es gibt Situationen, die sind finanz- oder menschengesteuert.“ Je besser man sich auskennt, je umfassender man die Umgebung bewusst annimmt, umso konsequenter kann man arbeiten. Je bewusster man weis, welche Werkzeuge einem zur Verfügung stehen und je konsequenter man sie einsetzt, umso besser ist der Entscheidungsprozess.

Entschlossen überschaubare Risiken eingehen
Kalhamer spricht immer im Indikativ: „Das ist mein Gebot und ich gewinne dieses Spiel.“ Nur er selbst weis, wie verwundbar er ist und dass er sich nie ganz sicher sein kann. „Ich habe einen starken, genau durchdachten Plan A und ich kommuniziere nicht Plan B“, sagt er deutlich.Ich bin der festen Überzeugung, dass heutzutage viel zu früh und viel zu viel Plan B, C, das ganze Alphabet diskutiert wird.“ Für was einigen wir uns? Für was setzen wir uns zusammen, machen einen Plan und gehen ihm nach? Wenn beim ersten kleinen Gegenwind der Erste sofort Plan B will, wie sollen wir dann jemals was zu Ende bringen? „Ich bin ein großer Freund davon, bei der Stange zu bleiben. Wenn man als Team zusammenhält, dann ist das viel stärker als ständig in diese Diskussionsrunden zu gehen und wieder was Neues zu machen“, sagt der Coach. „Das mach ich vorher. Ich überleg mir ganz genau wann ich rausreite, aber wenn ich rausreite, reit ich raus als gäbe es kein morgen. Und das kommuniziere ich mit aller Stärke.“ Wenn das nicht klappt, existiert für den Notfall ein Plan B. „Dann zieh ihn halt raus, dann heißt er aber neuer Plan A“ meint er. „Das ist ein großer Unterschied. Ich find es auch irgendwie witzig, aber da sollte man wirklich genau drüber nachdenken.“

Nicht hadern, wenn es doof läuft

Poker ist ein Geduldsspiel. Es ist ein Defensivspiel. Man kann nicht bestimmen, wann man gewinnt. Man kann aber verhindern, dass man verliert. Und dann scheint wieder mal die Sonne. Das ist auch im Alltag so. Hader nicht, wenn es doof läuft. Es läuft meistens doof. Meistens läuft es schlecht. „In so einem Spiel da sitzen fünf Andere, oft Acht. Es gewinnt immer nur einer“ erklärt Kalhamer. „Das heißt, gutes Verlieren ist acht Mal so wichtig wie gutes Gewinnen. Ich kann nur meinen Gewinn nach Hause bringen, wenn ich in den ganzen mehrheitlich Fällen, wo ich verliere, fast nichts verliere.“ Genau so ist es in allen anderen Sachen auch. „Wenn sie eine Idee haben und die umsetzen wollen, dann machen sie es“ fordert Kalhamer. „Stellen sie sich aber drauf ein, dass sie erstmal scheitern. Das ist kein Problem. Was meinen sie wie oft ich gescheitert bin, wie viel ich verloren hab? Aber einfach nicht genug um ein Verlierer zu sein.“
Quelle: Stephan Kalhamer zum Thema Entscheidungssicherheit – NN-ExpertenForum 2018
Bilder: Lena Neubauer

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